drews-floeter.
Meldung

Statik-Versagen im Pfizer-Gebäude: Fehlende Stahlverstärkungen als Ursache

Juli in einem New Yorker Hochhaus, dem früheren Pfizer-Gebäude an der 235 East 42nd Street, verdichten sich die Hinweise auf eine ganz konkrete Ursache: Wie das Fachmedium The Real Deal unter…

Johanna Meisner·aktualisiert 18. Juli 2026

Statik-Versagen im Pfizer-Gebäude: Fehlende Stahlverstärkungen als Ursache

Nach dem Einsturz zweier Stahlstützen am 7. Juli in einem New Yorker Hochhaus, dem früheren Pfizer-Gebäude an der 235 East 42nd Street, verdichten sich die Hinweise auf eine ganz konkrete Ursache: Wie das Fachmedium The Real Deal unter Berufung auf die zuständigen Ingenieure berichtet, fehlten in den betroffenen Geschossen entscheidende Stahlverstärkungen, die in den Plänen vorgesehen waren. Für uns als Tragwerksplaner berührt dieser Vorfall eine Frage, die weit über Manhattan hinausreicht — denn er verweist auf das sensible Verhältnis zwischen statischer Berechnung, baulicher Umsetzung und Prüfung auf der Baustelle.

Verstärkung in der Statik — fehlend auf der Baustelle

Die Ingenieure von GACE Consulting Engineers hatten für zwei Stützen eine durchgehende Verstärkung über mehrere Geschosse vorgesehen. Diese Bewehrungsbleche entlang der Stützenlänge sollten die I-förmigen Profile in einen geschlossenen Stahlquerschnitt — eine Art Box — überführen, wie Chris Cerino, ehemaliger Präsident der Structural Engineers Association of New York, gegenüber Gothamist erläuterte. Auf den Fotos der verformten Stützen sei diese Geometrie jedoch nicht erkennbar gewesen. Auch Joe DiPompeo, ehemaliger Präsident des Structural Engineering Institute der American Society of Civil Engineers, kam nach Durchsicht der Pläne zum selben Schluss: Die in den Zeichnungen geforderte Umwicklung sei eindeutig nicht ausgeführt worden.

Laut der schriftlichen Stellungnahme von GACE-Chefingenieur Chris Behan wurde die Verstärkung vom 19. Geschoss bis zum oberen Ende des 21. Geschosses, die die Tragfähigkeit der Stützen deutlich erhöht hätte, nie eingebaut. Die beiden Stützen knickten daraufhin unter der Last der darüberliegenden 15 Wohngeschosse ein, die Decken darüber senkten sich, und die Stadt evakuierte aus Sorge vor einem progressiven Kollaps mehrere umliegende Häuserblocks.

Verantwortung an der Schnittstelle

Wir müssen berücksichtigen, dass an dieser Stelle mehrere Akteure an einer besonders empfindlichen Naht zusammenwirkten: Der Bauträger MetroLoft, der die Umnutzung zum Wohngebäude — nach den vorliegenden Informationen die größte Büro-zu-Wohnraum-Wandlung der Stadt — mit zusätzlichen Geschossen über den betroffenen Stützen und einer Aufstockung um vier Etagen auf den ursprünglichen 33 Geschossen vornahm. Die ausführenden Firmen, die Prüfingenieure und die Bauaufsicht der Stadt New York. Die Verstärkung als solche war statisch korrekt dimensioniert; sie wurde schlicht nicht montiert.

Genau diese Lücke zwischen Plan und Baustelle ist es, die uns bei jedem Projekt beschäftigen muss. Wenn Bewehrungsbleche in den Zeichnungen stehen, aber auf der Baustelle fehlen, stellt sich nicht nur die Frage nach der handwerklichen Ausführung, sondern auch nach jenen Kontrollmechanismen, die solche Abweichungen hätten aufdecken müssen. MetroLoft-Prinzipal Nathan Berman hatte am Tag des Vorfalls gegenüber The Real Deal eingeräumt, dass eine unzureichende Bewehrung möglich sei — warum dies den zuständigen Inspektoren nicht auffiel, ist bislang offen.

Was bleibt zu beobachten

Die Stadt New York hat inzwischen stadtweit Sicherheitsüberprüfungen an Baustellen eingeleitet und nach Angaben von 5 Towns Central eine vorläufige strafrechtliche Untersuchung eröffnet; Ziel und Umfang dieser Ermittlungen sind noch nicht öffentlich. Das Department of Buildings erklärte das Gebäude am Tag des Versagens nach notfallmäßiger Sicherung der Geschosse als standsicher — eine abschließende Klärung der Ursache steht jedoch aus. Für unsere tägliche Arbeit in der Tragwerksplanung bleibt dieser Fall eine nachdrückliche Mahnung: Wir können die sorgfältigste Statik berechnen, doch sie trägt erst, wenn die Bewehrung dort landet, wo wir sie in unseren Plänen eingezeichnet haben.