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Holzhochhäuser der Zukunft: Tragwerksplanung zwischen Leichtbau und Stabilität

The Guardian hat in einem interaktiven Feature das Mjøstårnet in Norwegen porträtiert — und damit eine Frage aufgeworfen, die uns in der Tragwerksplanung zunehmend beschäftigt: Wie weit kann…

Johanna Meisner·aktualisiert 28. August 2026

Holzhochhäuser der Zukunft: Tragwerksplanung zwischen Leichtbau und Stabilität

The Guardian hat in einem interaktiven Feature das Mjøstårnet in Norwegen porträtiert — und damit eine Frage aufgeworfen, die uns in der Tragwerksplanung zunehmend beschäftigt: Wie weit kann Massivholz als Primärtragwerk wirklich tragen? Das 2019 fertiggestellte Gebäude mit 84 Metern Höhe und 18 Geschossen vereint Hotel, Büros und Wohnungen und gilt laut Bericht als das höchste reine Holzhochhaus der Welt. Für unsere Arbeit ist weniger die spektakuläre Höhe entscheidend als die materialstrategischen Entscheidungen im Detail — denn sie zeigen, wo Holz als Tragwerk funktioniert und wo es an seine Grenzen stößt.

Tragwerk aus Brettschichtholz — und die Logik der Lastpfade

Die Hauptstruktur ruht auf Brettschichtholz, kurz BSH beziehungsweise glulam. In den unteren Geschossen erreichen die Querschnitte der Stützen rund 625 mal 1.485 Millimeter — Dimensionen, die sich an der Lastkonzentration in den Eckbereichen orientieren. Insgesamt 22 Stützen tragen die Vertikallasten ab, während vier große BSH-Fachwerke in den Fassaden als Aussteifungssystem dienen. Sie nehmen die horizontalen Windkräfte auf und leiten sie in die Fundamente, gleichzeitig begrenzen sie die Verformungen, die bei zunehmender Gebäudehöhe kritisch werden.

Wir müssen berücksichtigen, dass Holz eine deutlich geringere Eigenmasse als Beton besitzt. Was im niedrigen Geschossbau als Vorteil gilt, wird bei 84 Metern zur Herausforderung: Ohne ausreichende Masse reagiert das Gebäude empfindlicher auf Wind, die Beschleunigungen im obersten Geschoss nehmen spürbar zu. Die Fachwerkscheiben kompensieren diese Schwäche, indem sie die Struktur steif genug halten, um den Komfort für die Nutzer zu gewährleisten.

Wo Beton ins Holzhaus gehört — und warum das kein Widerspruch ist

In den obersten sieben Geschossen bestehen die Decken aus etwa 300 Millimeter dicken Betonplatten, die auf BSH-Trägern auflagern. Das ist keine Konzession an die Bequemlichkeit, sondern eine bewusste materialstrategische Antwort auf die Windanfälligkeit in großer Höhe: Beton bringt Masse genau dort ein, wo die dynamische Anregung am größten ist, und dämpft so das Schwingungsverhalten. Zusätzlich kommt in Teilen des Gebäudes Brettsperrholz zum Einsatz, dessen kreuzweise verleimte Lagen eine hohe Scheibensteifigkeit bieten.

Für uns als Planer bleibt festzuhalten: Ein reines Holztragwerk jenseits der niedrigen Geschosse ist keine Schwarz-Weiß-Frage. Es ist eine Abwägung zwischen Kohlenstoffbilanz, dynamischer Stabilität, Brandschutz, Anschlussdetails und den baupraktischen Rahmenbedingungen. Das Mjøstårnet zeigt, dass hybride Tragwerke aus Massivholz, Beton und ausgewählten Stahlbauteilen dort funktionieren, wo die Aufgaben klar verteilt sind — und genau diese Klarheit sollten wir in eigene Projekte mitnehmen.