Sanierung im Bestand: Wie komplexe Tragwerksplanung den Erhalt von Bürogebäuden sichert
Wie das Fachmagazin Construction Management Magazine in einem aktuellen Projektporträt berichtet, hat der Projektleiter Matt Burley von Mace Construct die umfassende Sanierung eines achtgeschossigen…
Johanna Meisner·aktualisiert 04. September 2026

Wie das Fachmagazin Construction Management Magazine in einem aktuellen Projektporträt berichtet, hat der Projektleiter Matt Burley von Mace Construct die umfassende Sanierung eines achtgeschossigen Bürogebäudes aus den 1990er-Jahren in Central London verantwortet. Für uns als Planerinnen und Planer ist der Fall besonders aufschlussreich, weil er zeigt, wie tief die Entscheidung über den Umgang mit der Bestandsstruktur in die spätere Gebäudetechnik hineinwirkt – ein Spannungsfeld, das wir aus unserer eigenen Praxis in Fulda nur zu gut kennen.
Befund: Ein Bestand, der mehr trägt, als man ihm ansieht
Was die Sanierung von 100 New Bridge Street bemerkenswert macht, ist zunächst die schiere Materialbilanz: Zwischen 85 und 90 Prozent der bestehenden Struktur wurden erhalten und weiterverwendet, während das Gebäude gleichzeitig grundlegend umgestaltet wurde. Der vorhandene Kern wurde entfernt, ein Atrium geschlossen, zwei zusätzliche Geschosse aufgestockt und die Gebäudehülle räumlich neu organisiert. Wir müssen berücksichtigen, dass eine solche Quote an Materialerhalt nur dann realistisch ist, wenn die Tragstruktur des Bestands bereits eine gewisse Robustheit mitbringt und sämtliche Eingriffe sorgfältig statisch durchgerechnet werden. Genau hier liegt für uns die eigentliche planerische Leistung – nicht im Abbruch, sondern im klugen Behalten und in der Frage, welche Lasten wir umlenken können, ohne die Gesamtstabilität zu gefährden.
Ursachenanalyse: Wenn die Haustechnik den Bestand in Frage stellt
Die wohl heikelste Entscheidung im Projekt betraf nicht die sichtbare Architektur, sondern die unsichtbare Erschließung. Eine vollständig neue MEP-Installation musste in die vorhandene Struktur integriert werden, doch die ursprünglichen Steigeleitungen und Schächte erwiesen sich als zu eng und zu unflexibel für die Anforderungen moderner Luftmengen, Kältetrassen und Elektroversorgung. Die Projektverantwortlichen standen damit vor der klassischen Frage, die uns in der Bestandssanierung immer wieder begegnet: Akzeptieren wir die geometrischen Grenzen des Alten, oder greifen wir aktiv in die Tragstruktur ein, um die Technikführung zu verbessern? Die Entscheidung fiel zugunsten baulicher Anpassungen – ein Schritt, der zwar zusätzliche Eingriffe in die Bestandsdecken und möglicherweise in aussteifende Bauteile bedeutet, aber langfristig die Funktionalität, Energieeffizienz und Anpassungsfähigkeit des Gebäudes sichert.
Lösungsansatz: Was wir für unsere eigene Planung mitnehmen
Für unsere eigene Arbeit lässt sich aus dem Londoner Beispiel vor allem eines ableiten: Die Auseinandersetzung mit Steige- und Schachtzonen gehört zwingend in die früheste Phase der Tragwerksplanung, nicht erst in die Ausführungsplanung. Wer hier nachgibt und die Bestandsgeometrie einfach hinnimmt, riskiert später eine teure MEP-Planung mit reduzierten Querschnitten, unnötigen Umwegen und im schlimmsten Fall einer verringerten Geschosshöhe. Umgekehrt erfordert jeder Umbau der Tragstruktur eine sorgfältige Lastumlenkung – etwa durch das Aussteifen neu geschaffener Öffnungen, das Verstärken verbleibender Tragelemente oder das Aktivieren bislang ungenutzter Reserven. Wir werden das Thema bei unseren nächsten Bestandsprojekten noch konsequenter als integralen Bestandteil der Vorplanung behandeln und die Haustechnikplaner frühzeitig einbinden, bevor die ersten Deckendurchbrüche festgelegt werden. Denn am Ende entscheidet nicht die schönste Fassade über die Nachhaltigkeit eines Bauwerks, sondern die Frage, ob sein Skelett den Wandel mitmacht.