Nachhaltiges Bauen mit Holz: Ökologische Bilanz und ingenieurtechnische Realität
Wer derzeit ein Tragwerk plant, steht früher oder später vor der Frage, ob Holz die klimafreundlichere Alternative zu Stahl und Beton ist – und genau dieser Frage widmet sich ein aktueller Beitrag auf hrnews.co.uk mit bemerkenswerter Klarheit.
Johanna Meisner·aktualisiert 21. August 2026

Wir müssen dabei berücksichtigen, dass die vermeintlich einfache Antwort "Holz wächst nach" an der Realität der Forstwirtschaft, der Zertifizierung und der späteren Verwertung vorbeigeht. Für die Tragwerksplanung wird die Materialwahl damit zur ökologischen ebenso wie zur ingenieurtechnischen Abwägung.
Befund: Holz ist nicht gleich Holz
Die eigentliche Stärke von Bauholz liegt in seiner Kohlenstoffbilanz: Etwa ein Kilogramm Konstruktionsholz speichert rund 1,8 Kilogramm CO₂, da der während des Wachstums gebundene Kohlenstoff über die gesamte Lebensdauer eines Bauwerks im Material verbleibt. Dieser Vorteil wird allerdings durch die Herkunft des Holzes entscheidend relativiert – denn alte Wälder speichern über Jahrhunderte akkumulierten Kohlenstoff, der beim Einschlag sofort freigesetzt wird, unabhängig von späteren Wiederaufforstungszusagen. Wer also verantwortungsvoll konstruieren will, muss zwischen zertifiziert bewirtschafteten Beständen und problematischen Quellen klar unterscheiden, sonst kippt die Bilanz schneller, als uns lieb ist.
Lösungsansätze im Tragwerk
In der Praxis führen diese Erkenntnisse zu einer deutlich differenzierteren Werkstoffwahl. Brettsperrholz (CLT) und Brettschichtholz verarbeiten kleinere, minderwertige Hölzer, die sonst verbrannt oder dem Verfall überlassen würden, und verbessern so die Gesamtbilanz zusätzlich. Bei weitgespannten oder hochbelasteten Bauteilen stößt Holz allerdings an konstruktive Grenzen, weshalb hybride Tragwerke aus Holz mit minimalem Beton- oder Stahlanteil häufig die tragfähigste Verbindung aus Leistungsfähigkeit und CO₂-Effizienz darstellen. Ergänzend weist der Beitrag darauf hin, dass die britische Timber in Construction Roadmap die politische Anerkennung dieses Ansatzes widerspiegelt – ein Hinweis, der auch für die hiesige Normen- und Förderpraxis nicht ohne Folgen bleiben dürfte.
Perspektive: Vom langlebigen zum zyklischen Bauen
Einen bewusst anderen Weg geht derweil ein Team der Chalmers University of Technology in Göteborg, das unter Leitung von Professor Malgorzata Zboinska und der Doktorandin Yagmur Bektas ein biobasiertes Material aus hitzedeaktivierter Bäckerhefe, Zellulosefasern, Algen-basiertem Alginat, pflanzlichem Glycerin und Wasser entwickelt hat. Der entstehende Hydrogel wird bei Raumtemperatur durch einen Roboterarm extrudiert, trocknet auf natürliche Weise aus und lässt sich über den Glycerinanteil in seiner Steifigkeit variieren – gedacht allerdings vorerst für Raumteiler, Screens und Trennwände, nicht für tragende Strukturen. Was uns als Planer dabei herausfordert, ist die programmatische Umkehrung des bisherigen Paradigmas: Nicht dauerhafte Beständigkeit, sondern gezielte Vergänglichkeit wird zum gestalterischen Prinzip. Offene Fragen zu Brandschutz, Feuchtebeständigkeit und Skalierbarkeit bleiben bestehen, doch der Ansatz zwingt uns, die Rückführbarkeit von Baustoffen konsequenter mitzudenken – und damit den Materialdiskurs über reine CO₂-Bilanzen hinaus zu erweitern.