drews-floeter.
Meldung

Jenseits von Holz: Wie innovative biobasierte Baustoffe die Tragwerksplanung verändern

Wenn über biobasierte Baustoffe gesprochen wird, denken die meisten sofort an Holz – doch wie AZoBuild in einem aktuellen Überblick darstellt, verschiebt sich das Spektrum der nachwachsenden…

Johanna Meisner·aktualisiert 05. August 2026

Jenseits von Holz: Wie innovative biobasierte Baustoffe die Tragwerksplanung verändern

Wenn über biobasierte Baustoffe gesprochen wird, denken die meisten sofort an Holz – doch wie AZoBuild in einem aktuellen Überblick darstellt, verschiebt sich das Spektrum der nachwachsenden Konstruktionsmaterialien derzeit spürbar. Parallel dazu warnt die Versicherungsbranche, wie ein Bericht von Insurance Business zeigt, vor einem Risiko, das mit Werkstoffen oder Witterung kaum etwas zu tun hat: dem schwindenden Erfahrungsschatz in der Bauwirtschaft selbst. Für uns als Tragwerksplaner berühren beide Entwicklungen denselben Knotenpunkt – denn neue Materialien verlangen alte Tugenden, und genau diese Tugenden werden rarer.

Zwischen Tradition und Erprobung – biobasierte Materialien jenseits des Holzes

AZoBuild widmet sich der Frage, welche biobasierten Baustoffe jenseits des klassischen Holzes derzeit für die Konstruktion relevant werden. Da uns nur Titel und Teaser vorliegen, formulieren wir bei konkreten Werkstoffen bewusst zurückhaltend – doch der Zuschnitt verrät die Stoßrichtung: Die Branche sucht nach Rohstoffquellen, die nicht zwingend in Konkurrenz zur bestehenden Forstwirtschaft stehen. Für unsere tägliche Arbeit ist das mehr als eine Randnotiz, denn früher oder später landen diese Materialien als Anfrage auf dem Tisch, mitsamt der Frage, ob sie sich statisch zuverlässig einsetzen lassen und unter welchen Randbedingungen.

Der Risikofaktor, der in den Köpfen sitzt

Steve Kelly, Geschäftsführer für den Bereich Bau bei DUAL UK, beschreibt in Insurance Business einen Zusammenhang, der uns unmittelbar betrifft. Wer drei Jahrzehnte und mehr in der Baubranche gearbeitet hat, verlässt zunehmend den Sektor, während Nachwuchskräfte die Lücken nicht im selben Tempo schließen. Kelly spricht aus der underwriting-Perspektive, also der Bewertung von Großrisiken am Versicherungsmarkt – und sieht genau darin einen Treiber für höhere Risiken: Was fehle, sei nicht ein neues Material, sondern das kumulierte Urteilsvermögen darüber, wie ein Werkstoff im konkreten Bauteil wirklich funktioniert.

Das hat handfeste Konsequenzen für unsere Disziplin. Nachhaltige Bauweisen bringen aus Kellys Sicht greifbare Vorteile, aber auch zwei wiederkehrende Problemfelder: erhöhte Brandrisiken und das Phänomen der Wasserausbreitung in dichten Bauteilen, das sogenannte „escape of water". Beides sind keine theoretischen Risiken, sondern Schadensbilder, die wir aus der Praxis kennen – und die bei ungewohnten Materialkombinationen nochmals an Komplexität gewinnen.

Wo wir jetzt genauer hinsehen müssen

Kelly zeichnet zugleich ein britisches Marktbild mit gemischten Vorzeichen: Die Insolvenzzahlen im UK-Bau sind demnach auf dem niedrigsten Stand seit 2020, die Inflation hat sich beruhigt, und der CITB-Ausblick erwartet ein Produktionswachstum von 1,6 % im Jahr 2025 mit durchschnittlich 2,1 % jährlich bis 2029. Auch Vorfertigung und modulare Bauweise gewinnen an Tempo – gerade in dichten Innenstadtlagen ein echter Vorteil, der aber dieselben Brand- und Feuchtigkeitsfragen mit sich bringt.

Wir müssen berücksichtigen, dass die Werkstoffe, die wir heute statisch bemessen, in zehn Jahren andere sein können als die, mit denen wir ausgebildet wurden. Wir brauchen keine dogmatischen Pro- oder Contra-Positionen zu biobasierten Materialien, sondern ehrliche, gut dokumentierte Erprobung – und wir brauchen Büros, die das Wissen darüber weitergeben, bevor es mit der nächsten Pensionierungswelle wieder verloren geht. Der eigentliche Risikofaktor, das zeigt der Blick über den Kanal, sitzt selten im Material selbst.