Nachhaltige Baustoffe in der Tragwerksplanung: Kostenloses Fachseminar in London
Wenn wir in unserer täglichen Planungsarbeit über Materialentscheidungen sprechen, dann stehen selten ästhetische Erwägungen am Anfang – entscheidend sind Verfügbarkeit, Tragfähigkeit und…
Johanna Meisner·aktualisiert 18. September 2026

Wenn wir in unserer täglichen Planungsarbeit über Materialentscheidungen sprechen, dann stehen selten ästhetische Erwägungen am Anfang – entscheidend sind Verfügbarkeit, Tragfähigkeit und Dauerhaftigkeit, und zunehmend auch die Frage, ob ein Baustoff am Ende seines Lebens wieder in den Kreislauf zurückgeführt werden kann. Wie das britische Fachmagazin Architecture Today im Rahmen seines Programms „Regenerative Design 2026" ankündigt, widmet sich ein kostenfreies Seminar am Dienstag, den 20. Oktober, in London genau diesem Themenfeld: „Specifying natural and sustainable construction materials". Für uns als Tragwerksplaner ist das mehr als eine Randnotiz – die dort vorgestellten Ansätze berühren unmittelbar das, was wir ohnehin täglich auf der Baustelle oder im Genehmigungsverfahren hinterfragen.
Was das Seminar zusammenführt
Veranstaltet wird die Halbtagesveranstaltung von Architecture Today gemeinsam mit dem Backsteinhersteller HG Matthews im The Building Centre in London. Sie richtet sich an Architektinnen, Ingenieure, Materialfachleute und Policy-Expertinnen – eine Mischung, die wir uns auch hier wünschen würden, denn Aussagen zur Tragfähigkeit von Stampflehm oder zur Dauerhaftigkeit hybrider Stein-Holz-Konstruktionen hängen ohne materialkundliche und normungsbezogene Diskussion in der Luft. Die Beiträge decken ein weites Feld ab: laufende Untersuchungen zum Einsatz von Naturstein und zu hybriden Stein-Holz-Konstruktionen, Erfahrungen mit kohlenstoffarmen Materialien, das Potenzial von Lehmbauweisen als Mittel für einen regenerativen Entwurfsansatz sowie ein besonders praxisnaher Ansatz, der unter den Stichworten „urban mining" und „harvest mapping" Aushubmaterial wie Erde, Ton und Kreide unmittelbar vor Ort für Stampfwände und Lehmputze weiterverwendet sehen will. Ergänzend beleuchtet ein Beitrag des UK Green Building Council die politischen Rahmenbedingungen – eine Debatte, die sich unmittelbar mit den laufenden Diskussionen auf EU-Ebene und in der deutschen Baupraxis verbinden lässt.
Was bedeutet das für unsere Tragwerksplanung?
Wir müssen berücksichtigen, dass hybride Bauteile aus Stein und Holz unter Last ein anderes Verhalten zeigen als ein konventioneller Stahlbetonträger; die Frage der Verbindungstechnik wird zur Kernfrage der ingenieurtechnischen Bearbeitung. Bei Stampflehm treffen wir auf ein Material, das wir aus der Sanierung historischer Substanzen kennen, das im Neubau jedoch völlig neue Anforderungen an Druckverteilung, Feuchteverhalten und normungsbezogene Nachweisführung stellt. Beim urban mining schließlich müssen wir klären, wie belastbar die Aussage ist, dass ein bestimmtes Aushubmaterial tatsächlich für eine tragende oder zumindest raumbildende Funktion geeignet ist – Stichworte sind Homogenität, Korngrößenverteilung, Bindemittelbedarf und Langzeitverhalten unter wechselnder Beanspruchung. Wir werden verfolgen, welche dieser Ansätze tatsächlich den Weg in die deutsche Normungslandschaft finden; insbesondere beim Stampflehm und bei der Verknüpfung mit bestehenden Mauerwerksnormen zeichnen sich aus britischer Praxis möglicherweise bald übertragbare Erkenntnisse ab.
Ergänzender Blick: ein Recycling-Verfahren gegen die Einbahnstraße
In dieses Bild fügt sich eine Forschungsarbeit ein, die kürzlich im Journal Science Advances veröffentlicht wurde. Ein Team der University of Texas at Austin und der Sandia National Laboratories stellt dort ein Verfahren vor, mit dem sich Poly(dicyclopentadien) – kurz pDCPD – mit vergleichsweise geringem Energieaufwand auflösen lässt. Der Kunststoff kommt unter anderem in Stoßfängern, in Baumaschinenteilen und in Chemikalienlagertanks zum Einsatz, ist jedoch bislang praktisch nicht recyclingfähig und wird stattdessen meist verbrannt. Das neue Verfahren nutzt ein umweltfreundliches Lösungsmittel und einen Ruthenium-basierten Katalysator; das Polymer zerfällt in ein wiederverwendbares Pulver, während eingebettete Carbon- oder Glasfasern in nahezu ursprünglicher Form zurückgewonnen werden können. Offen bleibt nach Angaben des Forschungsteams die Frage, ob sich der Katalysator selbst zuverlässig zurückgewinnen und wiederverwenden lässt – eine Frage, die über die wirtschaftliche und ökologische Tragfähigkeit des gesamten Verfahrens entscheidet. Erst wenn sich dieser Kreislauf wirklich schließen lässt, wird aus dem Laborverfahren tatsächlich ein Baustein für die Kreislaufwirtschaft im Bauwesen.