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Lehmbau in der Tragwerksplanung: Herausforderungen bei Statik und Normung

Laut CBS News erfährt der Lehmbau derzeit eine Renaissance.

Hendrik Lohmann·aktualisiert 01. September 2026

Lehmbau in der Tragwerksplanung: Herausforderungen bei Statik und Normung

Der Bericht trägt den Titel „Adobe construction: What's old is new again" und dokumentiert das wiederkehrende Interesse an einem Baustoff, dessen mechanische Eigenschaften sich fundamental von Beton, Stahl und Holz unterscheiden. Für Tragwerksplaner bedeutet die Wiederbelebung: Bemessungsgrundlagen, die jahrzehntelang als Nischenwissen galten, werden wieder relevant — und treffen auf eine unvollständige Normensituation.

Materialverhalten unter Last

Lehmbauteile sind druckfest. Die Druckfestigkeit erreicht je nach Zusammensetzung und Verdichtung Werte, die unter denen von Mauerwerk liegen. Die Zugfestigkeit geht gegen null. Konsequenz für die Bemessung: Die Lastabtragung erfolgt ausschliesslich über Druck; jegliche Biege- oder Zugbeanspruchung erfordert ein zugfestes Element. Holzständer, Ringbalken aus Stahlbeton oder Stahlprofile übernehmen diese Funktion in modernen Lehmbauten.

Das Schwindverhalten ist die zweite kritische Grösse. Lehm schwindet bei Trocknung um mehrere Prozent. Unkontrolliertes Schwinden erzeugt Risse, die die Druckzone schwächen und die Lastverteilung stören. Faseranteile — Stroh, Hanf, Sisal — reduzieren die Rissneigung, verändern die Druckfestigkeit jedoch kaum messbar.

Feuchte und Dauerhaftigkeit

Lehm ist feuchteempfindlich. Bereits kurzfristige Wasserbelastung reduziert die Druckfestigkeit um Grössenordnungen. Spritzwasser, aufsteigende Bodenfeuchte oder Kondensation führen zu Materialversagen. Tragwerksplaner müssen die Feuchteexposition als eigenen Lastfall bewerten. Die DIN 18947 regelt Lehmbauteile als nichttragende Bauteile; tragender Lehm fällt in den Bereich der Zustimmung im Einzelfall.

Die Folge: Tragende Lehmbauteile benötigen eine projektbezogene Zulassung oder eine allgemeine bauaufsichtliche Zulassung. Das Procedere verlängert die Planungsphase und erfordert die frühzeitige Abstimmung mit dem Prüfingenieur.

Horizontale Einwirkungen

Erdbebenlasten sind der klassische Schwachpunkt unbewehrter Lehmbauten. Die fehlende Zugfestigkeit verhindert die Aufnahme horizontaler Beschleunigungen ohne zugfeste Bewehrung. Moderne Bauweise integriert Geogitter, Bambusstreifen oder zugfeste Rahmen in die Lehmschichten. Die Bemessung folgt den Regeln des erdbebensicheren Bauens; die materialspezifischen Kennwerte sind projektbezogen zu ermitteln.

Auch Windlasten erzeugen bei schlanken Lehmwänden relevante Biegebeanspruchungen. Der Nachweis erfordert eine ausreichende Wanddicke, eine Einspannung in Boden und Decke oder eine aussteifende Bewehrung.

Was Tragwerksplaner jetzt prüfen

Bei Bestandsbauten aus Lehm: Materialproben zur Bestimmung der Restdruckfestigkeit, Aufnahme der Wanddicken, Bewertung der Feuchteexposition. Bei Neubauten mit tragenden Lehmbauteilen: Zustimmung im Einzelfall, Abstimmung des Brandschutz- und Schallschutznachweises. Bei Sanierungen: Vergleich der vorhandenen Konstruktion mit aktuellen Lastannahmen nach Eurocode.

Die Renaissance des Lehmbaus verlangt keine neue Mechanik. Sie verlangt die konsequente Anwendung bekannter Bemessungsregeln auf einen Baustoff, der zwischen handwerklicher Tradition und lückenhafter Normung steht.