Karbonatisierungstiefe: Messmethoden für die Betonsanierung
Wenn bei der Befundaufnahme eines Parkdecks aus den 1970er-Jahren die Bohrkernentnahme vorbereitet wird, ist das Schadensbild häufig bereits eindeutig: An der Untersicht zeigen sich Abplatzungen mit…

Wenn bei der Befundaufnahme eines Parkdecks aus den 1970er-Jahren die Bohrkernentnahme vorbereitet wird, ist das Schadensbild häufig bereits eindeutig: An der Untersicht zeigen sich Abplatzungen mit rostbraunen Verfärbungen, die Betondeckung wirkt im Randbereich dunkler und dichter als im Kern, und beim Anschlagen mit dem Hammer klingt die oberste Schicht härter als der Untergrund. Was wie besonders dichter und widerstandsfähiger Beton erscheint, ist jedoch oft die karbonatisierte Zone. Genau dort verliert die Bewehrung ihren natürlichen Korrosionsschutz.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht zuerst, wie fest der Beton ist. Für die Sanierungsplanung ist vielmehr maßgebend, wo die Karbonatisierungsfront im Verhältnis zur Bewehrung liegt. Erst dieser Befund zeigt, ob eine lokale Reprofilierung ausreicht, ob die Betondeckung flächig abgetragen werden muss oder ob zusätzlich Maßnahmen zur Wiederherstellung des alkalischen Milieus erforderlich sind.
Die Karbonatisierungstiefe bei der Betonsanierung zu bestimmen, ist dabei kein isolierter Laborschritt. Die Messung gehört in eine umfassende Schadensanalyse des Betonbauwerks, bei der Betondeckung, Rissbild, Feuchte, Chloridbelastung und Zustand der Bewehrung gemeinsam bewertet werden.
Warum der pH-Wert über den Korrosionsschutz entscheidet
Beton ist nicht nur ein mineralischer Baustoff, der Lasten abträgt. Im Porenraum herrscht eine chemische Umgebung, die wesentlich darüber entscheidet, ob die eingebettete Stahlbewehrung dauerhaft geschützt bleibt. Bei der Zementhydratation entstehen unter anderem Calciumhydroxid und Calciumsilikathydrat-Phasen. Das Calciumhydroxid trägt dazu bei, dass das Porenwasser im ungestörten, nicht karbonatisierten Beton stark alkalisch ist. Der pH-Wert liegt typischerweise im Bereich von etwa 12 bis 12,5.
Unter diesen Bedingungen bildet sich auf der Stahloberfläche eine sehr dünne Passivschicht aus Eisenoxiden. Sie unterbricht den Korrosionsprozess weitgehend. Der Stahl kann im Beton vorhanden sein, ohne dass die anodische Metallauflösung in relevantem Umfang einsetzt. Dieser Zustand wird als Passivierung bezeichnet.
Kohlendioxid aus der Umgebungsluft dringt jedoch über das Porensystem in den Beton ein. Dort reagiert es mit alkalischen Bestandteilen, insbesondere mit Calciumhydroxid, und bildet Calciumcarbonat. Im Verlauf dieser Reaktion sinkt die Alkalität des Porenwassers. Wird ein kritischer pH-Bereich unterschritten, ist die Passivschicht auf dem Stahl nicht mehr ausreichend stabil. Die Bewehrung ist dann grundsätzlich korrosionsgefährdet. Für den praktischen Nachweis wird häufig die pH-Grenze um etwa 9 herangezogen.
Die Karbonatisierung verläuft von der Betonoberfläche nach innen. Ihre Geschwindigkeit hängt unter anderem von der Porosität, der Betonzusammensetzung, der Nachbehandlung, dem Feuchtehaushalt und der Exposition ab. Ein vollständig trockener Beton karbonatisiert nicht zwingend schneller als ein mäßig feuchter Beton: Für die Reaktion und den Transport von Kohlendioxid müssen geeignete Feuchtebedingungen gleichzeitig vorliegen. Dauerhaft wassergesättigte Poren behindern hingegen den Kohlendioxidtransport, während sehr trockene Poren die chemische Reaktion verlangsamen können.
Eine Besonderheit führt in der Praxis regelmäßig zu Fehleinschätzungen: Die karbonatisierte Randzone kann dichter und härter wirken als der darunterliegende Beton. Durch die Bildung von Calciumcarbonat wird das Porengefüge teilweise verändert und verdichtet. Die Oberfläche sieht dann keineswegs automatisch schadhaft aus. Im Gegenteil: Sie kann mechanisch zunächst besonders kompakt erscheinen, während der chemische Schutz der Bewehrung bereits verloren gegangen ist.
Eine karbonatisierte Randzone wirkt häufig hart und dicht – und kann dennoch genau der Bereich sein, in dem die Bewehrung ihren Korrosionsschutz verliert.
Die Karbonatisierungstiefe beschreibt deshalb nicht einfach die Tiefe einer sichtbaren Beschädigung. Sie bezeichnet den Abstand von der ursprünglichen Betonoberfläche bis zu einer definierten pH-Grenze im Beton. Ob diese Grenze bereits die Bewehrung erreicht hat, lässt sich nur beurteilen, wenn zusätzlich die tatsächliche Betondeckung bekannt ist.
Die Indikatormethode nach DIN EN 14630
Ein etabliertes Betonkarbonatisierung-Messverfahren ist die Indikatorprüfung mit Phenolphthalein. Die Methode nach DIN EN 14630 nutzt einen Farbumschlag, der von der Alkalität des Betons abhängt. Die Indikatorlösung wird auf eine frisch erzeugte Bruchfläche aufgetragen. Dort macht sie den Unterschied zwischen stärker alkalischem, unkarbonisiertem Beton und der karbonatisierten Randzone sichtbar.
Bei einer üblichen Phenolphthalein-Lösung färbt sich der unkarbonisierte, ausreichend alkalische Beton rot-violett. Der karbonatisierte Bereich bleibt farblos. Die Karbonatisierungsfront liegt an der Übergangszone zwischen der farblosen Randzone und dem rot-violetten Betoninneren. Die gemessene Tiefe bezieht sich immer auf die ursprüngliche Bauteiloberfläche und nicht auf eine nachträglich abgetragene oder beschädigte Stelle.
Für die Untersuchung wird zunächst eine frische Bruchfläche hergestellt. Das kann durch das Spalten eines Bohrkerns oder durch gezieltes Freistemmen am Bauteil geschehen. Die Bruchfläche muss möglichst unverfälscht bleiben. Lose Partikel, Staub und Bohrmehl werden vorsichtig entfernt, ohne die Oberfläche zu verschmieren oder die Übergangszone mechanisch zu verändern. Anschließend wird die Indikatorlösung gleichmäßig aufgesprüht oder aufgetragen.
Die Auswertung sollte unmittelbar erfolgen. Die Bruchfläche darf nicht längere Zeit der Umgebungsluft ausgesetzt bleiben, bevor die Messung vorgenommen wird. Andernfalls kann die frische Oberfläche nachträglich karbonatisieren und die sichtbare Grenze beeinflussen. In der praktischen Durchführung wird die Farbgrenze innerhalb eines kurzen Zeitfensters abgelesen und der Abstand zur ursprünglichen Betonoberfläche bestimmt.
Dabei ist die sichtbare Grenze keine scharf definierte chemische Linie. Im Übergangsbereich kann die Alkalität allmählich abnehmen. Außerdem beeinflussen Zuschläge, Bindemittelzusammensetzung, Feuchte und Oberflächenbeschaffenheit die Lesbarkeit. Eine sorgfältige Dokumentation muss daher nicht nur den Zahlenwert, sondern auch die Form und Deutlichkeit des Farbumschlags festhalten.
Vergleich gängiger pH-Indikatoren für die Karbonatisierungsprüfung
| Indikator | Umschlagsbereich (pH) | Farbrichtung bei abnehmender Alkalität | Typische Anwendung | Hinweise zur Praxis |
|---|---|---|---|---|
| Phenolphthalein, etwa 1 % in Ethanol/Wasser | ca. 8,2–10,0 | rot-violett → farblos | Standardverfahren nach DIN EN 14630 | Die sichtbare Grenze liegt näherungsweise im Bereich von pH 9; Schutzmaßnahmen beim Auftragen beachten |
| Thymolblau | ca. 8,0–9,6 | blau → gelb | Alternative oder ergänzende Prüfung | Umschlag in einem ähnlichen pH-Bereich, je nach Rezeptur und Auswertung unterschiedlich deutlich |
| Alizaringelb | ca. 10,0–12,0 | rot → gelb | Ergänzende Beurteilung der Alkalitätsreserve | Zeigt einen höheren pH-Bereich an und ersetzt die Phenolphthaleinprüfung nicht ohne Weiteres |
| Mischindikatoren, beispielsweise nach wissenschaftlichen Untersuchungen zu abgestuften Indikatorsystemen | abgestuft | mehrstufiger Farbumschlag | Forschung und Sonderfälle | Können Übergangsbereiche differenzierter darstellen, sind aber für die Routine nicht überall standardisiert |
Die Farbrichtung ist für die Interpretation entscheidend. Bei Phenolphthalein bedeutet ein rot-violetter Bereich nicht, dass dort bereits die Karbonatisierung eingesetzt hat. Die Färbung weist vielmehr auf ausreichend alkalischen, im Regelfall unkarbonisierten Beton hin. Der karbonatisierte Bereich bleibt farblos. Umgekehrt zeigt Alizaringelb bei höherer Alkalität zunächst Rot; mit abnehmender Alkalität geht die Färbung in Gelb über.
Die Indikatorprüfung liefert keine allgemeingültige Aussage über jede chemische Veränderung im Beton. Sie zeigt die Lage einer bestimmten pH-bezogenen Umschlagsgrenze. Diese kann von der tatsächlichen, über einen Übergangsbereich verlaufenden Karbonatisierungszone abweichen. Bei großen Betondeckungen und eindeutiger Front ist dieser Unterschied oft für die grundsätzliche Sanierungsentscheidung unerheblich. Bei dünner Betondeckung, geringer Restüberdeckung oder bereits korrodierender Bewehrung kann er dagegen relevant werden.
Repräsentative Probenahme am Bestandsobjekt
Eine einzelne Messstelle beschreibt kein ganzes Bauteil. Die Karbonatisierung folgt selten einer gleichmäßigen Front, die sich von einer Ecke des Bauteils bis zur nächsten fortsetzt. Unterschiede in Betondeckung, Verdichtung, Nachbehandlung, Feuchte und Nutzung können dazu führen, dass benachbarte Bereiche deutlich voneinander abweichen.
Ein Bauteil an der geschützten Gebäudeseite ist anderen Bedingungen ausgesetzt als eine frei bewitterte Fassade. Eine Untersicht in einer Tiefgarage unterscheidet sich von einem Randbereich mit Spritzwasserbelastung. Auch Risse, Kiesnester, Arbeitsfugen und Bereiche mit unzureichender Verdichtung können die lokale Karbonatisierung beeinflussen. Bei einer Schadensanalyse am Betonbauwerk müssen diese Unterschiede in der Messstellenplanung berücksichtigt werden.
Die Messstellen sollten deshalb nicht ausschließlich dort angelegt werden, wo bereits Abplatzungen sichtbar sind. Eine Messung direkt im Abplatzungsrand kann die lokale Situation dokumentieren, sagt aber nur begrenzt etwas über die angrenzende ungeschädigte Fläche aus. Sinnvoll ist eine Kombination aus:
- Messstellen in optisch ungestörten Bereichen, um die flächige Karbonatisierung zu erfassen,
- gezielten Messungen in der Nähe von Rissen, Fugen und Abplatzungen,
- Untersuchungen an unterschiedlichen Bauteilorientierungen und Expositionsseiten,
- Messungen in Bereichen mit erwartbar geringer oder uneinheitlicher Betondeckung,
- Vergleichsmessungen an konstruktiv ähnlichen Bauteilabschnitten.
Bei der Planung muss außerdem zwischen dem Untersuchungsbereich und der einzelnen Messstelle unterschieden werden. Ein Untersuchungsabschnitt kann beispielsweise eine Deckenuntersicht, ein Stützenfeld oder ein Fassadenraster umfassen. Innerhalb dieses Abschnitts werden mehrere Messstellen verteilt, damit nicht zufällig nur ein besonders günstiger oder besonders stark geschädigter Punkt erfasst wird.
In der Praxis werden häufig mehrere Messstellen pro Untersuchungsabschnitt angesetzt. Entscheidend ist weniger die schematische Zahl als die Repräsentativität. Ein kleiner, gleichmäßig beanspruchter Bereich kann mit wenigen gut gewählten Stellen ausreichend beschrieben sein. Ein heterogenes Bauteil mit verschiedenen Feuchte- und Schadenszonen verlangt dagegen eine deutlich differenziertere Beprobung.
Nicht die größte Zahl an Messungen macht den Befund belastbar, sondern eine Probenahme, die die unterschiedlichen Bauteil- und Expositionsbereiche tatsächlich abbildet.
Die Messstelle muss außerdem eindeutig dokumentiert werden. Dazu gehören mindestens die Lage am Bauteil, die Orientierung, die Art der Probenahme, die Betondeckung, der gemessene Abstand zur Oberfläche und eine fotografische Aufnahme der gefärbten Bruchfläche. Bei Bohrkernen sollte festgehalten werden, aus welcher Richtung der Kern entnommen wurde und welche Seite der ursprünglichen Oberfläche entspricht.
Gerade bei einem Bohrkern ist die Zeit zwischen Entnahme, Spalten, Auftragen der Lösung und Auswertung nicht nebensächlich. Die frische Bruchfläche kann an der Luft nachträglich karbonatisieren. Auch die Mantelfläche des Bohrkerns verändert sich nach der Entnahme. Für eine belastbare Messung muss der Ablauf daher vorbereitet sein. Die Indikatorlösung, Messwerkzeuge, Beleuchtung und Dokumentation sollten bereitliegen, bevor der Kern gebrochen wird.
Von der Karbonatisierungstiefe zur Sanierungsentscheidung
Der Messwert allein entscheidet noch nicht über das Sanierungsverfahren. Er wird mit der vorhandenen Betondeckung und der Lage der Bewehrung verglichen. Liegt die Karbonatisierungsfront deutlich vor der Bewehrung, kann der Stahl bei ausreichender Betondeckung weiterhin in einem alkalischen Bereich liegen. Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass keine weiteren Schäden vorhanden sind. Chloride, Risse, Feuchte oder Streuströme können Korrosion auch unabhängig von der Karbonatisierung auslösen.
Hat die Karbonatisierung die Bewehrung erreicht oder überschritten, ist der natürliche Passivierungsschutz nicht mehr zuverlässig vorhanden. Ob tatsächlich Korrosion eingesetzt hat, muss durch weitere Untersuchungen geklärt werden. Rostspuren, Längsrisse entlang der Bewehrung und Abplatzungen sind wichtige Hinweise, ersetzen aber keine bauteilbezogene Bewertung.
Für die Planung einer Betoninstandsetzung werden deshalb mehrere Informationen zusammengeführt:
- die Karbonatisierungstiefe an repräsentativen Stellen,
- die tatsächliche Betondeckung und der Bewehrungsverlauf,
- sichtbare Risse, Abplatzungen und Hohlstellen,
- Feuchteverhältnisse und Exposition,
- Hinweise auf Chloride oder andere korrosionsfördernde Stoffe,
- gegebenenfalls Potentialfeld- oder Korrosionsmessungen,
- die Tragwerksfunktion und die geplante weitere Nutzung.
Je nach Befund kann eine oberflächliche Beschichtung, eine lokale Betoninstandsetzung oder ein flächiger Abtrag der karbonatisierten und geschädigten Betonzonen erforderlich sein. Wird Beton nur dort entfernt, wo bereits Abplatzungen sichtbar sind, obwohl die Karbonatisierung großflächig bis zur Bewehrung reicht, bleibt ein erheblicher Teil des Problems im Bauteil. Umgekehrt wäre ein flächiger Abtrag ohne belastbare Untersuchung bei einem weitgehend intakten Bauteil möglicherweise unnötig.
Die Karbonatisierungstiefe bei der Betonsanierung ist deshalb eine Eingangsgröße für die Entscheidung, kein fertiges Sanierungskonzept. Erst der Abgleich mit dem Zustand der Bewehrung und dem übrigen Schadensbild zeigt, welcher Eingriff angemessen ist.
Zeitlicher Fortschritt und Prognose der Karbonatisierungsfront
Der zeitliche Verlauf der Karbonatisierung wird häufig näherungsweise mit einem Wurzel-Zeit-Gesetz beschrieben:
dk(t) = k · √t
Dabei steht dk für die Karbonatisierungstiefe, t für die Zeit und k für einen Karbonatisierungskoeffizienten, der Material- und Umgebungsbedingungen zusammenfasst. Das Modell bildet eine grundlegende Beobachtung ab: Die Karbonatisierungsfront dringt anfangs vergleichsweise schnell vor, während sich der Fortschritt mit zunehmender Tiefe verlangsamt. Die bereits karbonatisierte Randzone erschwert den weiteren Transport von Kohlendioxid.
Für eine Prognose ist der Koeffizient jedoch nicht einfach eine feste Materialkonstante. Er hängt unter anderem von der Betonzusammensetzung, dem Wasser-Bindemittel-Verhältnis, der Nachbehandlung, der Risssituation, der relativen Feuchte und der Exposition ab. Ein Wert, der aus einem trockenen und geschützten Bauteilabschnitt abgeleitet wurde, lässt sich nicht ohne Weiteres auf eine bewitterte Untersicht oder einen feuchtebelasteten Sockel übertragen.
Aus diesem Grund sollte eine Extrapolation nicht den Anschein einer exakten Vorhersage erwecken. Sie kann zeigen, wie sich die Karbonatisierungsfront unter vergleichbaren Randbedingungen voraussichtlich weiterentwickelt. Ändert sich die Nutzung, wird eine Fassade undicht, steigt die Feuchtebelastung oder werden Risse wirksam, kann sich das Fortschrittsverhalten verändern.
Für die Untersuchung bestehender Bauwerke ist es meist sinnvoller, die Prognose mit einer plausiblen Bandbreite und einer erneuten Kontrolle zu verbinden, statt aus einem einzelnen Messwert eine langfristige Sicherheit abzuleiten. Wiederholungsmessungen an ausgewählten Stellen können dabei helfen, die Entwicklung zu beobachten. Bei einer bereits knapp vor der Bewehrung liegenden Karbonatisierungsfront ist zudem nicht nur die rechnerische Restzeit relevant. Auch die Streuung der Messwerte und die Unsicherheit bei der Bestimmung von Betondeckung und Frontlage müssen berücksichtigt werden.
Ein einzelner Messwert kann dabei täuschen. Wird nur an einer Stelle mit besonders dichter Oberfläche gemessen, kann die Karbonatisierung geringer erscheinen als in benachbarten Bereichen mit Rissen oder schlechter Nachbehandlung. Umgekehrt kann eine lokale Fehlstelle zu einer ungewöhnlich großen Messtiefe führen. Für die Prognose zählt deshalb das Muster mehrerer Befunde: Welche Bereiche zeigen ähnliche Werte? Wo treten Ausreißer auf? Lassen sich diese Ausreißer durch die Bauteilgeometrie oder die Exposition erklären?
Grenzen der Phenolphthalein-Prüfung und ergänzende Verfahren
Phenolphthalein ist in der Baupraxis etabliert, schnell anzuwenden und für viele Fragestellungen ausreichend. Dennoch ist die Methode kein vollständiger chemischer Zustandsnachweis. Sie zeigt keine exakte Grenze zwischen karbonisiertem und unkarbonisiertem Beton, sondern den Bereich, in dem der pH-Wert den Umschlag des Indikators erreicht. Die Aussage muss daher immer im Zusammenhang mit der jeweiligen Betonzusammensetzung und der konkreten Bauteilsituation gelesen werden.
Besondere Vorsicht ist bei Betonen mit abweichenden Bindemitteln, Zusatzstoffen oder ungewöhnlicher Zusammensetzung erforderlich. Auch Oberflächenbehandlungen, Beschichtungen und Imprägnierungen können die Feuchteverteilung und damit die Karbonatisierung beeinflussen. An der Bruchfläche kann der Farbumschlag außerdem durch Verschmutzungen, Feuchte oder eine ungleichmäßige Verteilung des Indikators weniger eindeutig ausfallen.
Wenn die Front nicht klar erkennbar ist oder die Entscheidung erhebliche Eingriffe in das Tragwerk nach sich zieht, können ergänzende Untersuchungen notwendig werden. Dazu gehören je nach Fragestellung:
- die Bestimmung der Betondeckung und des Bewehrungsverlaufs mit zerstörungsarmen Verfahren,
- Bohrkerne für die Beurteilung des Betongefüges und weitere Laboruntersuchungen,
- chemische Analysen, etwa zur Ermittlung einer Chloridbelastung,
- Potentialfeldmessungen zur Eingrenzung korrosionsverdächtiger Bereiche,
- die Prüfung von Rissverläufen, Hohlstellen und Ablösungen,
- Feuchteuntersuchungen an unterschiedlich exponierten Bauteilflächen.
Keine dieser Methoden ersetzt automatisch die Sichtprüfung und die fachkundige Einordnung. Die Betondeckung kann ausreichend sein, während Chloride oder Risse eine Korrosion begünstigen. Ein unauffälliger Potentialwert schließt eine lokale Schädigung nicht in jeder Situation aus. Umgekehrt muss eine farblose Randzone nicht unmittelbar bedeuten, dass eine umfangreiche Betoninstandsetzung erforderlich ist.
Bei der Auswahl des Messverfahrens kommt es daher auf die Fragestellung an. Soll zunächst geklärt werden, ob die Karbonatisierung grundsätzlich bis in den Bereich der Bewehrung vorgedrungen ist, kann die Phenolphthalein-Prüfung eine zweckmäßige erste Untersuchung sein. Geht es um die Festlegung eines flächigen Abtrags, um eine komplexe Schadensursache oder um die Beurteilung eines sicherheitsrelevanten Bauteils, reicht die Indikatorprüfung allein in der Regel nicht aus.
Was ein belastbarer Befund leisten muss
Eine gute Untersuchung trennt sauber zwischen Beobachtung, Messwert und Bewertung. Die gefärbte Bruchfläche ist zunächst eine Beobachtung. Die daraus abgeleitete Karbonatisierungstiefe ist ein Messwert. Die Frage, ob daraus eine lokale Reparatur, ein flächiger Abtrag oder eine andere Maßnahme folgt, ist bereits eine ingenieurmäßige Bewertung.
Diese Trennung verhindert, dass aus einer einzelnen Zahl eine scheinbare Gewissheit entsteht. Für die Dokumentation sollten deshalb nicht nur Mittelwerte oder gerundete Tiefen angegeben werden. Ebenso wichtig sind die Streuung der Werte, die Lage der Messstellen, die Oberflächenbedingungen und die Besonderheiten der jeweiligen Probe. Bei einer undeutlichen Front sollte die Unsicherheit offen benannt werden, statt eine Genauigkeit vorzutäuschen, die die Methode an dieser Stelle nicht hergibt.
Auch die ursprüngliche Bauteiloberfläche muss eindeutig festgelegt sein. Wird eine bereits geschädigte oder abgeschlagene Stelle als Bezugspunkt verwendet, kann die Karbonatisierungstiefe zu klein erscheinen. Bei Bohrkernen muss deshalb nachvollziehbar bleiben, welche Seite der Außenoberfläche entspricht. Bei freigelegten Bereichen ist zu dokumentieren, ob die Messung an der ursprünglichen Oberfläche oder an einer zuvor bearbeiteten Zone erfolgt ist.
Am Ende muss der Befund eine konkrete bauliche Frage beantworten: Liegt die Karbonatisierungsfront noch vor der Bewehrung, schneidet sie deren Lage oder ist sie bereits darüber hinaus vorgedrungen? Und welche weiteren Einwirkungen können die Aussage verändern? Erst wenn diese Fragen gemeinsam betrachtet werden, entsteht eine belastbare Grundlage für die Planung der Betonسانierung.
Die Karbonatisierungstiefe bei der Betonsanierung zu bestimmen, ist damit weder eine rein optische Prüfung noch ein isolierter Laborwert. Die Phenolphthalein-Methode kann die entscheidende Orientierung liefern. Ihre Qualität hängt jedoch von der Probenahme, der schnellen Auswertung, der korrekten Bezugsebene und der fachgerechten Interpretation ab. Wer diese Punkte berücksichtigt, erhält aus einer einfachen Indikatorprüfung einen belastbaren Baustein für die Schadensanalyse und die weitere Planung der Betoninstandsetzung.
Häufige Fragen
Warum ist die Karbonatisierung für die Bewehrung gefährlich?
Wie funktioniert die Phenolphthalein-Prüfung?
Kann man die Karbonatisierungstiefe allein an der Betonoberfläche ablesen?
Warum reicht eine einzelne Messstelle für die Sanierungsplanung nicht aus?
Was passiert, wenn die Karbonatisierungsfront die Bewehrung erreicht hat?
Von Johanna Meisner