Textile Baustoffe: Wie Forschung die Tragwerksplanung revolutioniert
Wenn wir auf der Baustelle über Materialeffizienz sprechen, landen wir schnell beim Beton — und bei den Widersprüchen, die er mit sich bringt.
Johanna Meisner·aktualisiert 27. August 2026

An der Frankfurt University of Applied Sciences verfolgt die Forschungsgruppe ReSULT um Professorin Claudia Lüling jetzt einen konsequent anderen Weg: textile Werkstoffe als tragende, ressourcenschonende Alternative zu Holz, Stahl und Beton.
Warum textile Baustoffe für uns relevant werden
Beton ist und bleibt der dominierende Baustoff — und gleichzeitig einer der problematischsten. Das Bauwesen verursacht etwa 50 Prozent des Müllaufkommens in Deutschland und bindet rund 40 Prozent der weltweiten Ressourcen. Diese Größenordnung, die den Kontext für Lülings Arbeit bildet, macht deutlich, weshalb wir überhaupt nach Alternativen suchen müssen. ReSULT — Research Lab for Sustainable Lightweight Building Technology — lässt sich für seine Entwicklungen von faser- und porenartigen Naturstrukturen inspirieren, mit dem Anspruch, mit wenig Material möglichst viel zu erreichen.
Was bisher funktioniert — und was noch nicht
Im Projekt ge3TEX untersucht das Team drei verschiedene Fasern: Blähglas, Zementschaum und recyceltes PET. Jedes Material bringt eigene Stärken mit — mineralische Fasern schneiden beim Brandschutz besser ab, PET lässt sich leichter wiederverwerten. Daraus entwickelt werden druck- und zugfähige Bauteile, die größere Lasten aufnehmen können. Für unsere Planungspraxis ist dabei entscheidend: Im Gegensatz zum klassischen Betonbau ist keine Schalung erforderlich, der Transportaufwand reduziert sich deutlich. Einsatzgebiete zeichnen sich vor allem für die Gebäudehülle ab, etwa für Dachkonstruktionen.
Dass diese Ideen nicht im Labor stehen bleiben, zeigen zwei konkrete Beispiele. Studierende haben im ReSULT-Labor einen vier Meter hohen Pavillon realisiert, der nur 65 Kilogramm wiegt — geflochten aus textilen, geschäumten Schläuchen. Und die Solar Loops, ein Seilnetz mit 36 dreidimensional gebogenen Bändern, an denen Solarmodule befestigt sind, versorgen Lüfter, die an heißen Tagen für Abkühlung sorgen. Im vergangenen Jahr wurde die Konstruktion auf einem Münchner Kleinkunstfestival präsentiert.
Was es für unsere Projekte bedeutet
Ein textiler Baustoff wird tragende Aufgaben im klassischen Sinn vorerst nicht übernehmen — dafür fehlen uns noch ausreichend abgesicherte Langzeiterfahrungen zu Kriechen, Ermüdung und Verbindungsdetails unter Dauerlast. Für leichte, filigrane Strukturen, für Hüllen und ephemere Bauten eröffnen sich jedoch bereits jetzt realistische Anwendungsfelder. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang auch das Grünfassadensystem der Doktorandin Johanna Beuscher, das auf Textilien basiert und das Stadtklima verbessern soll — es wurde in diesem Jahr mit einem Preis der Europäischen Textilakademie ausgezeichnet. Wir werden die weiteren Ergebnisse aus Frankfurt im Blick behalten, insbesondere die Frage, wann textile Konstruktionen auch für tragende Bauteile die nötige Normenreife erreichen.