Material Memory: Warum der Erhalt von Tragwerken aktiver Klimaschutz ist
Ein Beitrag des Fachmagazins Parametric Architecture lenkt die Aufmerksamkeit auf einen Aspekt, der in unserer Tragwerksplanung oft zu kurz kommt: die Geschichte des Materials, das bereits in einem Gebäude steckt.
Johanna Meisner·aktualisiert 15. September 2026

Unter dem Titel "Material Memory" wird das Konzept diskutiert, dass Bestandsgebäude nicht nur physische Substanz, sondern auch die bereits investierten Emissionen ihrer Herstellung in sich tragen — und dass der Erhalt eines Tragwerks damit weit über denkmalpflegerische Argumente hinaus als eine Form der CO₂-Vermeidung verstanden werden kann. Für unsere Arbeit als Statikerinnen und Statiker ist das mehr als ein theoretischer Gedanke, denn es verschiebt die Frage, was wir eigentlich ersetzen, wenn wir abreißen.
Was ein Bestand bereits gespeichert hat
Wenn wir eine Stahlbetonstütze bemessen, dann planen wir nicht nur ein tragendes Bauteil, sondern gleichsam eine kompakte Akte aus Kalksteinabbau, Zementherstellung, Stahlerzeugung, Transport und Montage. Jeder dieser Schritte hat Emissionen freigesetzt, die sich nach dem Einbau nicht mehr zurückgewinnen lassen — sie sind gewissermaßen im Material eingeschrieben. Der Beitrag verweist dazu auf eine schwedische Pilotstudie aus dem Jahr 2025 zur Wiederverwendung von Betonfertigteilen: Im Vergleich zu einem vergleichbaren Neubau ließ sich die gebundene CO₂-Bilanz um 82 Prozent reduzieren, was rund 120 kg CO₂e pro Quadratmeter Bruttogeschossfläche entspricht. Bemerkenswert ist, dass diese Zahl an einem real sanierten Gebäude erhoben wurde und nicht allein aus theoretischen Modellen stammt.
Auch die zeitliche Logik verdient Aufmerksamkeit. Ein Gebäude kann energetisch effizient betrieben werden und dennoch eine gewaltige historische CO₂-Last im Tragwerk, in der Fassade und in den Ausbauten mit sich tragen. Ein Rückbau, gefolgt von einem vermeintlich sparsameren Neubau, setzt zunächst jene Emissionen frei, die der Bestand über Jahrzehnte bereits gebunden hat. Ob und wann die operative Effizienz des Neubaus diesen Vorlauf tatsächlich aufholt, ist eine Frage, die wir nicht allein dem Energieausweis überlassen sollten. Reuters hat in diesem Zusammenhang im Jahr 2026 unter anderem auf das Beispiel 25 Canada Square in London verwiesen, wo der Erhalt der bestehenden Struktur rund 100.000 Tonnen gebundenen Kohlenstoff vermied — eine Größenordnung, die unsere gewohnten Optimierungsspielräume deutlich überschreitet.
Holzbau — die ehrliche Rechnung
Ergänzend berichtet hrnews.co.uk über die Nachhaltigkeit von Bauholz, ein Thema, das uns in der Konstruktionspraxis derzeit häufig begegnet. Demnach bleibt in rund einem Kilogramm Konstruktionsholz etwa 1,8 kg CO₂ gebunden, sodass Holz auf der Erzeugungsstufe eine negative CO₂-Bilanz aufweisen kann. Die Substitutionswirkung gegenüber Beton und Stahl verstärkt diesen Effekt, zumal die Zementherstellung nach den vorliegenden Angaben etwa acht Prozent der globalen CO₂-Emissionen verantwortet.
Doch so plausibel die Grundrechnung klingt, sie hat zwei Haken, die wir nicht übersehen sollten. Erstens hängt die tatsächliche Bilanz stark von der Herkunft ab: Holz aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern mit entsprechender Zertifizierung unterscheidet sich fundamental von Holz aus Primärwäldern, deren Jahrhunderte alte Kohlenstoffspeicher bei Rodung sofort freigesetzt werden — ein Befund, der die Diskussion um alte Bestände und Tropenholzimporte unmittelbar berührt. Zweitens stößt Holz in weit gespannten oder hoch belasteten Tragwerken an konstruktive Grenzen, weshalb Hybridlösungen mit gezielt eingesetztem Beton oder Stahl derzeit oft die ehrlichere Antwort sind als das dogmatische "Alles-Holz"-Versprechen. Brettsperrholz und Brettschichtholz können dabei helfen, geringerwertige Hölzer sinnvoll zu nutzen, die sonst verbrannt würden.
Was wir im Auge behalten
Die weitere Quellenlage ist hier nur angedeutet: Taiwan News berichtet über den Markteintritt eines Unternehmens namens Laputa mit einer "deployable Carbon Capture and Utilization"-Lösung für kohlenstoffarme Baustoffe in Europa, und MIT News erwähnt ein Spin-off, das Plastikabfälle in widerstandsfähige Baumaterialien umwandelt. Beide Meldungen liegen uns bislang nur als Überschrift vor, sodass wir belastbare Zahlen und baupraktische Erfahrungen abwarten müssen.
Konkret heißt das für unsere Projekte: Wir müssen den Bestand als Kohlenstoffspeicher verstehen, bevor wir den Abbruchbagger bestellen. Eine Bestandsaufnahme der verbauten Materialien, eine seriöse Gegenüberstellung der gebundenen Emissionen gegenüber den Einsparungen eines Neubaus und ein wacher Blick auf die wachsende Zahl an Wiederverwendungsstudien — das gehört künftig zum Pflichtprogramm jeder verantwortlichen Tragwerksplanung. Was wir heute stehen lassen, ist möglicherweise genau das klimafreundlichste Material, das wir überhaupt einsetzen können.