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Wie KI-gestützte Software den Fachkräftemangel in der Bautechnik entschärft

Nach Angaben von Construction & Property News greift nun das kanadische Ingenieurunternehmen Stantec beherzt zu: Es setzt Bentleys OpenSite+ ein, um dem Personalmangel im Tiefbau zu begegnen.

Carsten Wiegand·aktualisiert 15. August 2026

Wie KI-gestützte Software den Fachkräftemangel in der Bautechnik entschärft

Lange hat die Software-Industrie das Versprechen verkauft, KI werde den Fachkräftemangel im Ingenieurwesen einfach wegregeln. Nach Angaben von Construction & Property News greift nun das kanadische Ingenieurunternehmen Stantec beherzt zu: Es setzt Bentleys OpenSite+ ein, um dem Personalmangel im Tiefbau zu begegnen. Klingt nach Marketing-Folklore – ist aber einen genaueren Blick wert.

Was die KI im Site-Design tatsächlich leistet

OpenSite+ automatisiert laut dem Bericht jene Arbeitsschritte, die erfahrene Ingenieure über Jahre mühsam erlernen: Geländemodellierung, Erdmassenberechnung, Entwässerungsplanung. Aus losen 2D-Linien und separaten Tabellen wird ein durchgängiges 3D-Modell. Die Software generiert mehrere Varianten unter Berücksichtigung lokaler Vorschriften, regionaler Baukosten und klimatischer Bedingungen – der Ingenieur prüft und bewertet anschließend, statt selbst zu zeichnen.

Was wie ein trivialer Workflow-Wechsel klingt, hat handfeste Konsequenzen für jeden Tragwerksplaner. Wer versucht, ein solches Modell tatsächlich in die eigene Statik-Pipeline zu importieren, stellt schnell fest, dass zwischen einem hübschen BIM-Visual und einem prüffähigen Tragwerk einige Welten liegen. Die Geländeoberfläche ist das eine – Gründung, Lastableitung und Baugrund das andere.

Vom File-Austausch zur Datenkontinuität

Bemerkenswerter ist ohnehin der Unterbau: Bentley setzt mit MicroStation und iModels auf eine datengetriebene Logik statt klassischen Dateiversand. DWG, DGN und RVT bleiben kompatibel, der Datentransfer läuft über strukturierte Container statt E-Mail-Anhänge. Das ist, ehrlich gesagt, die eigentliche Revolution – nicht der KI-Hype.

Wer kennt das Szenario nicht: Planungsstand Rev. 07, drei Gewerke, jeder arbeitet auf einer eigenen Datei, und am Ende des Tages weiß niemand mehr, welche Trägerdimensionierung zur aktuellen Hanglage gehört. Datenkonsistenz ist in der Tragwerksplanung kein Bonus, sondern Voraussetzung für jede vernünftige Bemessung.

Was bleibt zu beobachten

Drei Punkte, die in der Praxis tatsächlich zählen: Erstens, wie gut die KI-Vorschläge komplexe Baugrundverhältnisse abbilden – Standardfälle werden vermutlich sauber laufen, schwierige Schichtungen eher nicht. Zweitens, welche Lizenzkosten Stantec und Co. tatsächlich tragen, bevor das Produkt im mittelständischen Ingenieurbüro ankommt. Drittens, ob die Fehler, die heute noch auf der Baustelle entstehen, wirklich im Modell gefunden werden – oder ob sie lediglich vom Polier zum Prüfingenieur wandern.

Wer jetzt reflexartig auf den KI-Zug aufspringt, sollte vorher klären, ob der eigene Workflow überhaupt die Datentiefe liefert, die solche Tools voraussetzen. Sonst wird aus dem versprochenen Effizienzgewinn schnell ein teurer Validierungs-Aufwand.