Warum Langlebigkeit im Ingenieurbau wichtiger ist als reine Nachhaltigkeit
Eine neue Studie der Drexel University rückt eine Frage in den Vordergrund, die uns in der Tragwerksplanung unmittelbar betrifft: Wie lange halten unsere Gebäude durch, wenn Extremwetterereignisse…
Johanna Meisner·aktualisiert 18. August 2026

Eine neue Studie der Drexel University rückt eine Frage in den Vordergrund, die uns in der Tragwerksplanung unmittelbar betrifft: Wie lange halten unsere Gebäude durch, wenn Extremwetterereignisse zunehmen, und welche Ressourcen braucht es, um sie anschließend wieder funktionsfähig zu machen? Die Autorin Fernanda Cruz Rios argumentiert in einer Übersichtsarbeit im Journal of Industrial Ecology, dass genau diese Aspekte bislang in der ökologischen Lebenszyklusanalyse (LCA) systematisch unterbewertet werden.
Die stille Annahme im Lebenszyklus
Wir müssen berücksichtigen, dass Gebäude weltweit für mehr als ein Drittel der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich sind – eine Größenordnung, die Cruz Rios in ihrer Arbeit hervorhebt. Die übliche LCA rechnet Materialherstellung, Errichtung und Betrieb zusammen, geht dabei jedoch stillschweigend davon aus, dass das Bauwerk dauerhaft funktionsfähig bleibt. Genau diese Prämisse trägt unter den heutigen Bedingungen nicht mehr, wie die Forscherin deutlich macht: Die Umweltkosten von Fragilität seien systematisch unterschätzt worden. Wir sollten uns daher fragen, ob unsere eigenen Tragwerkskonzepte dieser Selbstverständlichkeit noch folgen dürfen oder ob wir die Bilanz neu aufstellen müssen.
Vier Lastfälle, viele Lücken
Cruz Rios hat 40 Studien systematisch ausgewertet, die Gebäude-Resilienz im Spiegel der Lebenszyklusanalyse betrachten. Die untersuchten Extremereignisse verteilen sich auf vier Kategorien: seismische Aktivität, Hitze, Überflutung und Wind. Zwar greifen alle Studien irgendeine Form von Resilienz auf, doch die meisten scheitern daran, entscheidende Aspekte der Funktionsunfähigkeit quantitativ zu erfassen. Dazu zählt die Frage, welche Materialfestigkeiten, welche Redundanzen in den Systemen oder welche Austauschbarkeit von Bauteilen nötig wären, um Robustheit zu erzeugen – ebenso wie der Ressourcenaufwand, der nötig ist, um ein Gebäude nach einem Ereignis wieder in Betrieb zu bringen. Auf der Baustelle zeigt sich diese Lücke, etwa wenn nach einem Hochwasser ganze Innenausbauten erneuert werden müssen, ohne dass dieser Aufwand jemals in der CO₂-Bilanz auftaucht.
Resilienz als Rechnungsposten
Aufbauend auf der Analyse schlägt Cruz Rios ein neues Rahmenwerk vor, das die Umweltkosten und den Umweltnutzen von Resilienzmaßnahmen bilanziert. Damit lassen sich Investitionen in erdbebenfeste Betonwände, in Notstromaggregate oder in austauschbare Innenausbauten nach Hochwasser konkret gegen das Szenario des Nichtstuns abwägen. Für unsere Planungspraxis heißt das: Wir sollten bei künftigen LCA-Betrachtungen konsequent mitdenken, was ein Ausfall bedeutet – an Material, an Energie und an Zeit – statt den Lebenszyklus allein über die geplante Nutzungsdauer zu definieren. Eine robuste Konstruktion ist in diesem Licht weniger ein Mehraufwand als eine ehrlichere Rechnung, die zeigt, dass Dauerhaftigkeit und Nachhaltigkeit zwei Seiten derselben Medaille sind.