CO₂-reduzierter Beton im Londoner West End: Eine Analyse der evoBuild-Technologie
Wie Construction Digital berichtet, kommt bei der Umgestaltung von 33–35 Piccadilly erstmals in Großbritannien die Produktlinie evoBuild von Heidelberg Materials UK zum Einsatz, eine Kombination aus…
Johanna Meisner·aktualisiert 09. September 2026

Wenn ein Bauprojekt im Londoner West End seine Untergeschossdecken aus CO₂-reduziertem Beton herstellen lässt, verdient das unsere Aufmerksamkeit — denn genau dort, im erdberührten Bereich, entscheidet sich, ob ein Beton nur auf dem Papier nachhaltig oder auch baupraktisch überzeugend ist. Wie Construction Digital berichtet, kommt bei der Umgestaltung von 33–35 Piccadilly erstmals in Großbritannien die Produktlinie evoBuild von Heidelberg Materials UK zum Einsatz, eine Kombination aus CO₂-armem Zement und Hüttensand (GGBS). Für uns als Tragwerksplanerinnen und -planer lohnt der Befund, weil hier zwei Aspekte zusammengeführt werden, die in der Ausschreibungspraxis sonst oft genen: eine messbare Reduktion der Herstellungsemissionen und eine Zusammensetzung, die den Dauerhaftigkeitsanforderungen eines wasserbeaufschlagten Bauteils standhalten soll.
Was steckt technisch hinter evoBuild?
Die Rezeptur ruht auf zwei Säulen, und nur weil beide zusammenwirken, ergibt sich das Eigenschaftsprofil, das uns auf der Baustelle interessiert. Der Zement wird im norwegischen Werk Brevik unter Einsatz von Carbon-Capture-Technologie im Produktionsmaßstab hergestellt; Heidelberg Materials beziffert die damit erreichte CO₂-Reduktion gegenüber herkömmlichem CEM I mit rund 50 %. Die zweite Säule ist GGBS — ein Hüttensand aus der Stahlherstellung, der den Zement anteilig ersetzt. Dabei müssen wir berücksichtigen, dass Hüttensand-Betone in der Praxis eine längere Nachbehandlung beanspruchen und bei niedrigen Temperaturen empfindlicher reagieren können als reine Portland-Varianten. Gleichzeitig weist GGBS-Beton nach Darstellung des Herstellers eine geringere Permeabilität auf als CEM I — ein Umstand, der im Untergeschoss, wo Wasserdichtheit nicht verhandelbar ist, zum entscheidenden Vorteil werden kann. Ergänzend kommt ein Abdichtungssystem zum Einsatz, das die erdberührten Bauteile gegen Wassereintritt schützen soll.
Warum uns das als Planerinnen und Planer betrifft
Das Projekt in Piccadilly wird vom Crown Estate als Bauherrin getragen; die Planung verantwortet Deborah Saunt David Hills Architects, die Ausführung liegt bei Kier gemeinsam mit dem Spezialtiefbauunternehmen Realtime Civil Engineering. Als Zertifizierungsziele sind NABERS 5-Sterne, WELL Platinum und BREEAM Outstanding benannt — ein Anforderungsprofil, das in deutschen Vergleichsprojekten eher über DGNB oder LEED abgebildet wird. Für unsere eigene Arbeit in Fulda und Umgebung bedeutet das nicht, dass wir morgen evoBuild spezifizieren müssten — das Produkt ist derzeit auf den britischen Markt zugeschnitten, und vergleichbare Rezepturen sind bei uns längst unter Bezeichnungen wie CEM III oder klinkerarmen Kompositzementen im Einsatz. Aber das Prinzip, eine klinkerarme Zementmatrix konsequent mit einer Abdichtungsstrategie zu verzahnen und die CO₂-Bilanz über die gesamte Tragstruktur hinweg offenzulegen, wird auch an unseren Schreibtischen zunehmend zur Routine. Wir sollten daher frühzeitig mit unseren Betonlieferanten klären, welche vergleichbaren Rezepturen regional verfügbar sind, welche Druckfestigkeits- und Expositionsklassen sie abdecken und welche Nachbehandlungskonzepte sie zwingend voraussetzen — gerade, wenn wasserbeaufschlagte Bauteile im Spiel sind.